Braucht es das? Das kulturwissenschaftliche Handbuch „Tiere“

Ein Problem zu lösen, beginnt damit, dass man erkennt, eines zu haben. Dass dieser Spruch auf individueller Ebene seine Berechtigung hat, weiß jeder, der einmal mit Süchtigen zu tun hatte. Anders sieht das freilich auf gesellschaftlicher Ebene aus. Um hier etwas als Problem zu erkennen, braucht es Diskussion, Streit, Ereignisse oder auch Personen, wie es etwa im Fall des Feminismus in Deutschland Alice Schwarzer war.

Erst dann kann ein Problembewusstsein für eine Sache entstehen, von der man vorher angenommen hatte, sie sei natürlich. Solche scheinbar natürlichen Gegebenheiten stehen seit den 1970er Jahren unter Beschuss, indem ihnen ihre Existenz schlicht abgesprochen wird. Alle Dinge innerhalb einer Gesellschaft seien konstruiert, das Ergebnis eines Diskurses, hieß es aus Frankreich von linksintellektuellen Philosophen und Soziologen. Sie bliesen damit u.a. zum Angriff auf eine Geschichtswissenschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Quellen zu lesen, zu vergleichen, abzuwägen und daraus eine Wahrheit abzubilden, die Prozesse, Ereignisse und Handlungen erklärte. Wenn aber alles Diskurs ist, dann muss auch diese historische Wahrheit notgedrungen ein Konstrukt sein und damit in Abhängigkeit von den Erfahrungen, Eigenschaften und Hintergründen derjenigen stehen, die sie konstruieren.

Wenn also die Weltgeschichte hauptsächlich durch Männer bestimmt gewesen ist, dann liegt das vor allem auch daran, dass Männer die Geschichten schrieben, wenn vor allem weiße Europäer und Nordamerikaner als handelnde Personen auftauchten, dann deswegen, weil Europäer und Nordamerikaner diese Personen historisch untersuchten. Diese Liste ließ sich beliebig fortsetzen, würde aber lediglich aufzeigen, dass Historiker Teil ihres Umfelds sind, das sie bei ihrer Arbeit beeinflusst. Aber auch dieses Umfeld ist natürlich konstruiert. Der Historiker kann sich dann entscheiden, ob er gegen diese Konstruktion angeht oder ob er sich an ihr entlang hangelt, sie also nutzt und damit eventuell bestehendes Unrecht weiter trägt. Denn das ist ja der Ausgangspunkt der ganzen Diskussion. Das Konstrukt, in dem man lebt und das einen beeinflusst, ist ja im Prinzip nichts Schlimmes – es sei denn es führt dazu, dass Andere benachteiligt werden. In einem solchen Fall ist es nötig, das Konstrukt nicht nur aufzuzeigen, sondern das erlittene Unrecht wieder gut zu machen. Social Engineering ist dabei das Zauberwort.

Die Grundthese ist natürlich nicht von der Hand zu weisen. Natürlich ist jede historische Forschung Konstruktion. So funktioniert Wissenschaft. Eine Theorie, die man entwirft, ist in erster Linie ein nicht wirklich existierendes Modell bar allen Funktionen und Kontexten, die die Theorie zerstören könnten. Der Grund dafür liegt darin, dass Menschen die Komplexität der Welt nicht voll verstehen können. In der Schule spricht man von didaktischer Reduktion, wenn man probiert, einzelne Elemente, die die Schüler von der Erkenntnis ablenken würden, die man vermitteln will, wegzulassen. Diese Art von Reduktion probiert man auch in der Wissenschaft, um sich selber nicht ablenken zu lassen. Wenn dann eine neue Theorie entsteht, die einen weiteren Aspekt des Forschungsgegensands einbezieht und erklären kann, nennt man das Fortschritt.

Ein solcher Fortschritt in der Geschichtswissenschaft war sicherlich der Umstand sich nicht nur mit den Bürgern und Politikern zu beschäftigen, sondern auch mit Arbeitern, Bauern und Handwerkern, nicht nur mit den Männern, sondern auch mit den Frauen. Nun aber will man sich nicht nur mehr für Menschen einsetzen, sondern auch für Tiere und deren Geschichte aufzeigen, indem man sich kulturwissenschaftlicher Mittel bedient.

Kulturwissenschaft ist ein Begriff, den ich nie wirklich verstanden habe. Irgendwie soll er die Fächer, die man normalerweise in den Geisteswissenschaften verortet, unter ein Dach führen und sie mit den Sozialwissenschaften zusammenbringen – zumindest ist das mein Eindruck. Ziel ist es interdisziplinär Formen/Funktionen/Ursachen von Kulturen/Völkern/Gesellschaften zu untersuchen, um dann wohl deren Existenz/Konstruktion/Verhältnisse zu verändern – hin zu einer gerechteren Welt. Das alles klingt für mich unheimlich nach linker Revolutionsideologie – zumindest habe ich bisher keinen konservativen Kulturwissenschaftler getroffen.

Eine kulturwissenschaftliche Geschichtswissenschaft hat sich demnach auch genau dieses auf die Fahnen geschrieben. Durch das Aufzeigen der Konstruktion und die eventuelle Dekonstruktion eines historischen Umstands soll Futter für eine Veränderung hin zu einer besseren Welt geliefert werden. Diese Art der Geschichtswissenschaft wird, zumindest ist das mein Eindruck, oftmals als Kulturgeschichte bezeichnet. Ich für meinen Teil nutze diesen Begriff aber anders.

  • Für mich ist Kulturgeschichte das Aufzeigen von historischen Begebenheiten jenseits der klassischen politischen Geschichte, die man gemeinhin, vor allem in der Schule, als Geschichte bezeichnet.
  • Für mich ist Geschichte immer schon mehr gewesen: soziale Zusammenhänge, Ideen, Handel, Wissenschaft, technische Entwicklungen, Umgang der Menschen miteinander und ihrer Umwelt.
  • Für mich ist Geschichte schon allein deswegen das beste Fach, weil einfach alles Geschichte hat und man über sie Verknüpfungen zu allem herstellen konnte.

Die Politik war dabei nur ein Teilchen im großen Ganzen. Das ist Kulturgeschichte – und so verstehe ich auch Tiergeschichte. Sie soll eben nicht Teil eines revolutionären Neubeginns in der Geschichtswissenschaft sein, sie ist Teil einer allumfassenden Kulturgeschichte, die sich um des Themas willen mit dem Thema Tiere beschäftigt. Nicht um alle Menschen zu Vegetariern zu machen, um Tierversuche zu stoppen und Zoos aufzulösen, soll sie geschrieben werden, sondern einfach, weil es ein interessantes Thema ist.

Und dann erscheint mit dem neuen Jahr 2016 bei Metzler das kulturwissenschaftliche Handbuch über Tiere, das von Roland Borgardts (Literaturwissenschaftler, Uni Würzburg) herausgegeben wurde und ich lese die folgenden Worte:

Die Tiere sind nicht nur ein neues historisches Thema, sie fordern auch eine neue historiographische Herangehensweise. Dies lässt sich verallgemeinern: Von eigenständigen Animal Studies kann erst dort die Rede sein, wo die thematische Hinwendung zu den Tieren mit einer Neufassung der theoretischen, methodischen und begrifflichen Prämissen der eigenen Disziplin einhergeht. Denn die Argumente, mit denen die Eindeutigkeit einer anthropologischen Differenz in Frage gestellt wird, führen zu einer Neubewertung nicht nur der Tiere, sondern zugleich auch der Menschen, und dies heißt, in letzter Konsequenz, zu einer Revision des eigenen Standorts mit seinen herkömmlichen Konzepten, Begriffen, Methoden und Theorien. (S. 4)

Daraus ergibt sich für mich vor allem eine Frage: Warum muss die anthropologische Differenz in Frage gestellt werden? Ich kann schon diese Prämisse nicht verstehen, was einen denkbar schlechten Ausgangspunkt bildet, um das Buch zu rezensieren.

Wobei es falsch ist. Ich verstehe die Prämisse durchaus, ich teile sie aber nicht. Wer sich für Tierschutz und Tierrechte einsetzt, der muss notgedrungen damit anfangen, die Grenze zwischen Tier und Mensch verwischen zu wollen. Tierschutz ist ohne Frage eine noble Sache. Tierrechte sind durchaus da angebracht, wo Tiere ohne Sinn und Zweck gequält werden. Und deswegen ist es in Deutschland auch verboten, Wirbeltiere aus nichtigen Gründen zu töten. Das deutsche Tierschutzgesetz gehört zu den besten seiner Art. Von daher ist von politischer und rechtlicher Seite in meinen Augen alles in Ordnung.

In meinen Augen, und in denen der biologischen Systematik, ist der Mensch ein Tier unter vielen. Er hat jedoch etwas geschafft, was den anderen nicht humanen Tieren nicht gelungen ist: Er hat sich an die Spitze einer Verwertungskette gesetzt. Vorher war er auch Teil dieser Verwertungskette, nur nicht an der Spitze, sondern irgendwo im Mittelfeld. Und wer weiß, irgendwann in der Zukunft, kann sich das auch wieder ändern. Nun gibt es aber Bestrebungen, die Rechte der Tiere zu erweitern und damit gleichzeitig die Rechte der Menschen einzuschränken. Genau in diese Richtung geht der im dem Buch vorgegebene Weg.

Das Buch ist für den Historiker vor allem aus zwei Gründen interessant. Zum einen ist es der geschichtstheoretische Aufsatz von Aline Steinbrecher (Konstanz), die Ansätze vorstellt und probiert, die neue Ausrichtung der Tiergeschichte im dekonstruierten Sinne zu erklären und zum anderen sind es die acht Artikel im Teil Institutionen und Praktiken, die allesamt einen historischen Abriss über bestimmte Phänomene der Tiergeschichte geben wollen. An diesen Beiträgen kann man die Umsetzung, der von Steinbrecher erwähnten Neuorientierung sehen.

Machen wir es kurz: Ein Großteil der Artikel und auch der aus der Feder von Steinbrecher sind diskurstheoretischer Humbug.

Steinbrecher bezieht sich in ihrem Beitrag vor allem auf den französischen Soziologen Bruno Latour und seine Akteurs-Netzwerk-Theorie. Ohne jemals ein Werk dieses Mannes gelesen zu haben, sondern lediglich seine Rezeption, glaube ich, dass es sich bei dieser Theorie um die komplexeste Erklärung für irgendetwas handeln muss, die jemals entwickelt wurde. Egal ob Ampel, Haushaltsgerät oder Schäferhund, ob Stein, Baum oder Mensch. Alles, wirklich alles hat irgendwie Einfluss auf jeden und hat deswegen Anspruch darauf als Akteur innerhalb eines Netzwerkes betrachtet zu werden. Latour selber scheint ob der gewaltigen Dimension dieser Annahme so verwirrt, dass die Ansätze seiner Theorie in jedem weiteren Werk aus seiner Feder geändert werden. Schon alleine, weil der Schöpfer selber noch nicht genau weiß, wohin die Reise geht, halte ich es für gefährlich, sich einer solchen Theorie zu bedienen. Darüber hinaus ist es für die Prämisse der wissenschaftlichen Forschung nicht gut, wenn die Theorie, der man folgt, zu komplex ist, weil die Ergebnisse für einen Menschen selber nicht mehr fassbar sind und er sich in seinen eigenen Annahmen verstrickt.

Wie dem auch sei, Steinbrecher sieht Tiere als Akteure an, die menschliches Handeln beeinflussen. Dagegen ist erst einmal nichts zu sagen. Es wäre geradezu töricht, dieses Annahme abzulehnen. Mir ist nur nicht ganz klar, was diese Erkenntnis genau bringen soll. Sie wendet sich dezidiert gegen eine intendierte Auffassung von Agency (Wirkungsmacht des Akteurs) und bemüht stattdessen die performative Auffassung. Handlungen können ebenso wirkmächtig sein wie Intentionen. Auch dagegen ist nichts zu sagen. Aber hier frage ich mich, wo ist das Neue? Halte nur ich diese Annahmen für Binsenweisheiten? Oder ist das Teil der Bewusstmachung, die der oben erwähnte erste Schritt ist, ein Problem zu lösen?

Bewusstmachung alleine führt aber nicht weiter. Im Falle der von ihr angeführten Sozial- und Gendergeschichte, die beide erst durch den bewussten Umgang mit den Themen, entstehen konnten, sehe ich ein Problem. Nur weil die Geschichtsschreibung sich zunächst nicht für sie interessierte, heißt das ja nicht, dass es keine Texte und Dokumente von und über Arbeiter und Frauen gegeben hätte – sie hat nur keiner gelesen, bis man sich ihnen widmete. Ich bezweifle aber ernsthaft, dass wir Texte von Tieren finden werden. Das wir Texte über Tiere finden, ist hingegen kein Problem. Man findet sie überall, wenn man die Texte mit Verstand liest und Bilder genau anschaut.

Hier ist nun das nächste Problem, dass ich mit dem Text von Steinbrecher habe. Sie möchte anders als die bisherige Geschichtsschreibung eben keine „Quellensynopse im traditionellen Sinn“, in der alle möglichen Quellen gesammelt wurden, um eine relative Vollständigkeit über einen Umstand zu erlangen, sie möchte verschiedene Perspektiven zusammenführen. Mit Verlaub: Wenn ich zwei Quellen zum politischen Wirken Bismarcks vergleiche, von denen eine von ihm selber und eine von einem seiner Gegner stammt, dann habe ich auch zwei verschiedene Perspektiven, aus denen ich versuchen muss etwas zu machen. Stelle ich sie nur gegenüber, habe ich eine Quellenanthologie. Das aber kann ja nun nicht (einziger) Sinn historischer Forschung sein. Das ist aber auch nicht ihr Anliegen. Um dieses zu verdeutlichen führt sie ein Beispiel von Hunden in den Kirchen der Frühen Neuzeit an. Um die Agency der Hunde zu belegen, vergleicht sie Bildquellen aus dem 17. Jahrhundert mit Textquellen, in denen Hunde in den Kirchen verboten wurden, und führt zudem noch Eisenringe vor den Eingängen der Kirchen auf, an denen Hunde befestigt werden sollten. Damit hat sie in meinen Augen recht eindrucksvoll belegt, dass Hunde in den frühneuzeitlichen Kirchen vorhanden waren und das durch eine Quellensynopse, die sie eigentlich nicht will. Wenn im 17. Jahrhundert also nachweislich Hunde in den Kirchen waren und die Kirchherren etwas dagegen unternahmen, indem sie Eisenringe in die äußeren Kirchenmauern ein- und Verbote zur Hundehaltung während des Gottesdienstes erließen, in wie weit bitte ist das ein Beleg für Hunde mit einer eigenen Agency. Sind sie nicht Objekt der Kirchherren oder ihrer Besitzer? Richten sich die Verbote gegen den Hund oder seinen Herrn? Macht der Hund sich selber an den Ringen fest? Geht der Hund freiwillig in die Kirche, deren dicke Türen er dann mit seinen Pfoten öffnet? Diese Fragen fallen nicht alle den Bereich der Intention eines Akteurs, sondern auch in den der Performanz. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu dumm oder altmodisch, oder nicht eingeschüchtert genug von der komplizierten Sprache französischer Soziologen, um das zu verstehen.

Abgesehen von Steinbrechers Beitrag gibt es noch acht Beiträge zur Geschichte der Jagd, der Nutztiere, der Haustiere, der Zoologie, der Tiermedizin, des Tierversuchs, des Tierschutzes und des Zoos. Mit Ausnahme der Artikels von Georg Toepfer (Berlin) über die Zoologie und auch des Artikels von Axel Hüntelmann (Berlin) über die Geschichte des Tierversuchs (beides hervorragende Artikel mit durchaus interessanten Einblicken in die Historie der beiden Aspekte) konnte man überall die Intention der Autoren spüren, etwas umwerfen zu wollen, was ihnen nicht passt, was in diesem Fall entweder die Stellung der Tiere oder der Umgang mit ihnen durch den Menschen ist. Seinen stärksten Ausdruck findet das in dem folgenden Zitat aus der Feder von Lukasz Nieradzik (Wien):

Nutztiere sind herangezüchtete, modellierte Cyborgs, die Menschen kraft ihrer Macht und Fähigkeit zur organisierten Gewalt innerhalb eines an wirtschaftlichen Effizienzkriterien ausgerichteten Produktionsregimes in Dienst nehmen. (S. 127)

In diesen Worten spürt man förmlich die jungen, linken Ökohippis angesichts der als negativ wahrgenommenen Begriffe herangezüchtet, modelliert, Cyborg, Macht, Gewalt, wirtschaftlich, Effizienzkriterien, Produktionsregieme und Dienst zustimmend nicken und andere vor Schrecken zusammenfahren. Auch so schafft man eine Emotionalisierung der Debatte.

Die Artikel sind zum großen Teil zudem Mogelpackungen. Wer sich neue, interessante Einblicke in die Geschichte der jeweiligen Themen gewünscht hat, wird zum Teil enttäuscht. Die Artikel sind nämlich darüber hinaus auch Zusammenfassungen und kritische Abrechnungen mit dem bisherigen Forschungsstand und kommen kaum ohne theoretisches Blabla aus, oder ist ein solcher Satz wirklich nötig?

Ein mögliches künftiges Forschungsfeld wäre, diese alltäglichen, konkreten Interaktionen auch in anderen Kosmologien zu erforschen, d.h. in Gesellschaften, deren Welt- und Tierverständnis andere Ontologien zugrunde liegen. In diesem Sinne argumentiert z.B. Kohns ethnografischer Entwurf einer „anthropology of life, die sich eben nicht auf den Menschen beschränkt, sondern die Erforschung von Transspezies-Kontakten zur Grundlage macht und zugleich als Möglichkeit beschreibt, unsere gängigen ontologischen Voraussetzungen zu befragen und andere zu erproben (vgl. Kohn 2013). (S. 137)

Die Literaturlisten sind unglaublich lang und die Anmerkungen zur Literatur manchmal unglaublich dämlich. Braucht dieser Satz tatsächlich einen Beleg?

Auch beim vermutlich ersten namentlich erwähnten Hund der europäischen Kulturgeschichte, nämlich Odysseus‘ Hund Argos (vgl. Wild 2008, 11), spielt diese Fähigkeit eine Rolle. (S.132)

Oftmals handelt es sich um ein einziges Namedropping. Ein Blick in das Personenverzeichnis wirkt dabei ganz aufschlussreich, wenn man einmal vergleicht, wie oft die Namen der an dem Werk beteiligten Autoren dort erscheinen. Hier eine kleine Auswahl:

  • Steinbrecher sieben Mal,
  • Markus Wild (Philosoph, Basel) 21 Mal,
  • Mieke Roscher (Historikerin, Kassel) neun Mal,
  • Borgardts 16 Mal,
  • Alexander Kling acht Mal und
  • Esther Köhring zehn Mal (die letzten beiden Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl von Borgardts in Würzburg).

Eine solche Selbstbeweihräucherung wäre früher einmal schlechter Stil gewesen, heute ist es wohl gutes Marketing.

Interessant an diesen Beiträgen ist aber vor allem, dass sie es nicht schaffen, die den Tieren zugesprochene Agency und die damit in Zusammenhang stehende Subjektivität deutlich zu machen. Tiere sind in diesen Beiträgen ausschließlich Opfer der Menschen, die sie essen, jagen, töten, einsperren oder für Experimente missbrauchen. Vielleicht bin ich einfach noch nicht genug sensibilisiert, um darin eine aktive Rolle der Tiere zu sehen. Für mich bleibt das alles passives Ertragen und im besten Fall reaktive Handlung. Wenn das ausreichend ist, um als eigenständiger Akteur zu gelten, freue ich mich schon darauf in 20 Jahren die erste Geschichte der Steine lesen zu können. (Übrigens: Wenn diese gut geschrieben ist, den theoretischen Ballast weglässt und auf einer ordentlichen Quellenrecherche beruht, würde ich sie sicherlich gerne lesen!)

Aber wahrscheinlich bin ich als Arbeiterkind einfach zu dumm für Kulturwissenschaften und Animal Studies und, weil ich von lauter alten Professoren unterrichtet worden bin, die alle in Rente gingen, als ich fertig war, zu altmodisch akademisch sozialisiert worden.

Roland Borgards (Hg.): Tiere. Kulturwissenschaftliches Handbuch, J.B. Metzler: Stuttgart 2016, ISBN: 978-3-476-02524-1, EUR 89,95.

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Katzen in Australien, oder: Hilft eine Genanalyse bei einem historischen Problem?

Anfang des Monats veröffentlichte die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung eine Pressemitteilung, in der sie einen Artikel vorstellte, der von einem internationalen Team von Naturwissenschaftlern publiziert worden ist. An sich ist das nicht weiter erwähnenswert, das ist schließlich der Job einer Forschungseinrichtung. Das Thema des Artikels ist aber nun mal etwas, was meine Forschungen angeht.

Das Ergebnis der bahnbrechenden Studie ist, dass Katzen durch europäische Siedler im späten 18. Jahrhundert nach Australien eingeschleppt wurden. Ich war ob dieses Ergebnisses doch etwas irrtiert, denn meiner Meinung nach war dies allgemeiner Konsens. Diesen ab und an einer Prüfung zu unterziehen, ist als solches nicht verkehrt. Ich selber habe das vor einigen Jahren schon mal gemacht, auch wenn die Ergebnisse erst im kommenden Jahr veröffentlicht werden sollen. Meine Methode war dabei wenig naturwissenschaftlich, sondern historisch. Ich ging an die Quellen. Die Reiseberichte der Cook’schen Expeditionen werte ich ebenso aus, wie die der spanischen Marine in Polynesien oder die Berichte von Arthur Philips, dem Begründer der ersten australischen Siedliung europäischer Prägung.

In all diesen Berichten wurden mehr oder weniger gründlich die Flora und Fauna Australiens und seiner Inseln beschrieben. Katzen wurden dabei nur ein einziges Mal erwähnt. Man fand sie auf einer unbewohnten Insel. Da der Bericht aus der Zeit der Besiedlung Australiens stammt, war für mich recht klar, dass die verwilderten Katzen, die auf der Insel gefunden wurden, durch die Seefahrer einer Expedition zwanzig Jahre vorher dort hin gebracht worden sein mussten, es sich also nicht um endemische Tiere handeln konnte.

Für mich also war die Sache ganz klar. Katzen sind von den Europäern zum Ende des 18. Jahrhunderts eingeschleppt worden – mit verherrender Wirkung, wie bereits ein Text Georg Forster zeigt. Als die Mannschaft sich zur Jagd auf die Vögel begab, setzten sich einzelne der Tiere ohne Furcht auf die Gewehre. Auch wenn keiner der Männer „hartherzig genug seyn“1 konnte, den Vögeln etwas an tun, so

[…] ward [diese Verhaltensweise] ihnen [in wenig Tagen] sehr nachtheilig und verderblich, weil eine Katze aus unserem Schiff nicht so bald ausfindig gemacht hatte, daß hier eine so trefliche Gelegenheit zu einem herrlichen Fraße sey, als sie richtig alle Morgen einen Sparziergang ins holz vornahm, und eine schreckliche Niederlage unter den kleinen Vögeln anrichtete, die sich vor einem so hinterlistigen Feinde nicht hüteten, weil sie nichts Arges von ihm vermuteten2.

Das ist für mich der eindeutige Beweis, dass Katzen in der Region vollkommen unbekannt waren, bevor die Europäer nach Australien gekommen sind. Das ist aber natürlich auch kein Beweis im eigentlichen Sinne, sondern nur ein Hinweis.

Nun könnte man sagen: Ist doch gut, dass man nun einen klaren genetischen Beweis dafür hat, dass das stimmt. Und in der Tat: Die Genetik beweist hier ihre Nützlichkeit und gibt ein weiteres Indiz dafür, dass diese Annahme stimmt. Aber eben nur einen Hinweis. Keinen eindeutigen Beweis.

Aber gehen wir einmal zurück zur Ausgangslage des Studie aus dem Senckenberg. Zunächst muss man, das ist gutes wissenschaftliches Arbeiten, ein Forschungsproblem ausmachen, das es gilt zu lösen. Der Artikel geht davon aus, dass es eine Kontroverse gebe, was die Herkunft der Katzen angeht. Ich muss hier kurz anmerken, dass ich von dieser Kontroverse vorher noch nichts gehört hatte, obwohl ich mich nun seit Jahren intensiv mit der Verbreitung europäischer Haustiere in der Welt auseinandersetze. Diese Kontroverse lautet also:

The origin and sequence of invasions of cats into Australia is unresolved [13, 2325]. It would be reasonable to suggest that cats may be a relatively recent introduction with European explorers and settlers in the late 18th century [13, 23]. Another alternative assumes cat arrival to Australia prior to European settlement from (i) shipwrecks in Western Australia around 1600, (ii) or with Malaysian trepangers from about 1650 in northern Australia, (iii) or even earlier with the introduction of the dingo (Canis lupus dingo) around 4500 years ago (which, of course, goes against the normal assumption of arrival of cats in Australia within the last few hundred years) [23, 2528].

Um das mal auf den Punkt zu bringen. Entweder waren es die Europäaer im späten 18. Jahrhundert oder es waren

  1. Europäische Siedler aus der Zeit um 1600,
  2. Malayische Seegurken-Fischer aus der Zeit um 1650, oder
  3. die Aborigines

Die letzte These wird von den vier Autoren als unglaubwürdig zurückgewiesen, womit sie völlig richtig liegen. Ich frage mich jedoch, warum sie dass nicht auch mit den anderen Thesen tun. Wobei … eigentlich tun sie das, was man merkt, wenn man sich die Fußnoten anschaut. Ich persönlich werde immer misstrauisch, wenn jemand eine These nimmt und sie ordentlich belegt, und drei andere schnell zusammenfasst und dann eine Sammelfußnote ans Ende stellt, statt jede einzelne These ordentlich zu belegen. Schaut man sich die markierten Beitäge an, finden sich vor allem Aufsätze von Biologen, die, das habe ich im Laufe meiner Arbeit bemerkt, oftmals irgendwelche Infos kurz in ihren Artikeln zusammenfassen, dann noch ein vierzig Jahre altes Buch über ein Schiffswrack und auch eine Quelle über die Reisen der Niederländer im 17. Jahrhundert sowie ein Werk über die Säugetiere im Bewußtsein der Aborigines. Wo genau man in diesen Angaben genau etwas über etwa die Seegurken-Fischer herausfinden kann ist mir noch nicht ganz klar, aber ich unterstelle hier einfach mal keine böse Absicht. Aber dieser Katalog von Verweisen zeigt schon einmal recht deutlich, dass diese drei Theorien nicht wirklich ernst genommen wurden, was im Endergebnis ja auch zutrifft. Mir als Historiker, der ja sein Fach studiert hat, in dem man lernt Quellen gegeneinander abzuwiegen, scheinen diese Thesen generell als Minderheitenmeinungen dazustehen (etwa wie dem Maße, dass ein Historiker meint, Karl der Große hätte nie gelebt, während alle anderen ihm sagen: Du spinnst), so dass ich hier keine wirkliche Forschungkontroverse annehmen kann. Aber immerhin, nun gibt es einen weiteren Hinweis auf das 18. Jahrhundert.

Warum finde ich aber eben nicht, dass durch den genetischen Beleg irgendetwas groß bewiesen worden ist? Das hat mit der Grundannahme der Studie zu tun. Denn die Wissenschaftler haben folgende Vorgehensweise gewählt:

We therefore analysed samples from six mainland and seven island locations including Australian Indian Ocean Territories (Christmas Island and Cocos (Keeling) Island; hereafter referred to as Cocos Island) as well as samples from Southeast Asia and previously published data from Europe

Sie nehmen also australische Katzen und überprüfen deren DNS mit denen von Katzen aus Europa und denen aus Asien. Die Grundannahme ist dabei: Wenn Fischer aus Malaysia Katzen mit an Bord hatten, wird es sich ja wohl um asiatischen Katzen gehandelt haben. Und genau da liegt in meinen Augen das Problem. Seit dem frühen Mittelalter war der indische Ozean ein Binnenmeer zwischen Afrika, Arabien, Persien, Indien, China, Indonesien und Indochina. Dort wurde, wie wirklich jeder Historiker, der sich mit dem Indik einmal auseinander gesetzt hat, bestätigen kann, gehandelt als ob es kein Morgen gebe – ohne, dass die Europäer daran patizipierten. Giraffen gingen als Tributtiere von Afrika nach China, Pferde von Arabien nach Indien, und was der gleichen mehr war. Natürlich kamen auch Katzen vom Nahen Osten, wo sie wohl domestiziert wurden, über den Indik nach Asien. Im Verlauf der frühen Neuzeit kamen die Katezn sogar von dort noch einmal nach Europa. Der Italiener Piedro della Valle schaffte die Perserkatze nach Rom und folgte dabei dem Beispiel der Portugiesen, die sie nach Asien gebracht hatten. Um es kurz zu machen: Nur weil malayische Seegurken-Fischer Katzen an Bord haben, sind diese Katzen nicht unbedingt asiatischen Ursprungs, es kann sich um Katzen handeln, die als Exportgut aus dem Raum des Nahen Ostens nach Asien gekommen sind. Diese haben logischerweise auch mit den europäischen Katzen recht viel genetisches Material gemein, weil eben zwischen Europa und dem Nahen Osten schon seit der Antike Handels- und Kulturkontakte bestanden haben, womöglich haben erst die Römer die Katzen als Haustiere nach Europa gebracht.

Wenn die Genetik also nun herausbekommt, dass die Katzen Australiens vornehmlichen europäischen Ursprungs sind, dann heißt das nicht unbedingt, dass sie auch mit den Europäer gekommen sind.

Und schließlich: Weder die Niederländer noch die Malayen haben in Australien gesiedelt. Sollten sie wirklich Katzen dabei gehabt haben, dann ist es durchaus möglich, dass deren Population einging, bevor im 18. Jahrhundert die Engländer kamen und deren Katzen sich ausbreiteten. Allerdings gibt es Spuren asiatischer Katzen in denen Australiens. Wer sich mit den anderen Tieren Austrlaiens auskennt, weiß, dass Australien ein Melting Pot des britischen Empires war. Tiere aus allen Regionen kamen dort an und wurden natürlich untereinander gemischt.

Schafft die Studie nun also Klarheit, wie man auf meine Anmerkungen bei Facebook so forsch meinte? Antwort: Nein, sie bietet nur ein weiteres Indiz.

Und noch etwas ärgert mich enorm an der Studie aus dem Senckenberg. Von den vier beteiligten Wissenschaftlern scheint mir keiner Historiker zu sein. Seit über zwanzig Jahren gibt es mittlerweile Menschen, die sich ernsthaft mit der Geschichte der Tiere beschäftigen. Seit weit längerer Zeit gibt es Menschen, die sich mit Überseegeschichte, Wirtschafts- und Handelsgeschichte beschäftigen, die wissen, wovon man spricht. Werden diese in das Team mitaufgenommen? Nein! Stattdessen werten die naturwissenschaftlichen Kollegen selber Quellen aus. Ich frage mich ja, wie wertvoll ein Artikel wäre, in dem ich als Amateur-Biologe mal einfach zum Spaß eine DNS-Analyse durchführe mit dem Wissen, dass ich mir angelesen habe. Sicherlich würde eine solche nicht wirklich angenommen werden. Aber Geschichte – das kann ja jeder!

1Forster, Reise, 139.

2Ebenda, 140.

 

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Es geht um die Krake

Seit gestern gibt es erneut einen anitsemitischen Skandal in Deutschland. Die SZ druckte eine Karikatur ab, die Mark Zuckerberg als datensammelnde Krake darstellt. Das Problem: Zuckerberg bekam zudem noch eine sehr lange  Nase, dicke Lippen, lockige Haare und wulstige Augenbraun – Zeichen antisemitischer Propaganda, wie hier deutlich herausgearbeitet wurde.

Bis gestern habe ich gar nicht gewußt, dass Zuckerberg Jude ist. Man hätte natürlich darauf kommen können wegen des wunderschönen Nachnamens, aber Zuckerberg war für mich immer Facebook, Nerd, Computer-Ass. Auf die Idee, dass er Jude sein könnte, bin ich gar nicht verfallen. 

Patrick Gensing macht in seinem Beitrag klar, dass diese Karikatur antisemitsich ist. Und hier möchte ich auch gar nicht das Faß aufmachen, ob etwa eine Kritik an der Politik Israels per se schon antisemitisch ist. Hier soll es um das Symbol der Krake gehen.

Seit der Antike, denkt man etwa an das Meeresmonster Scylla aus der griechischen Antike, kennt man die Idee von großen Ungeheuern, mit unzähligen Tentakeln, die in der Lage sind ganze Schiffe zu versenken. So ist es auch kein Wunder, dass dieser Topos auch im Mittelalter noch Bestand hatte und im Zeitalter der Entdeckungen unter Seefahrern große Popularität besaß. Bis in das 21. Jahrhundert hinein war die Vorstellung der schiffsverschlingenden Krake  äußerst beliebt – und konnte so auf andere Bereiche übertragen werden.

Die Krake frisst das Schiff, sie frisst die Welt, sie frisst Daten und mutiert zur Datenkrake. Kein wirklich antisemitisches Wort. Es passt aber zu Facebook. Dummerweise nahmen sich auch die Nazis solch beliebten Symbolen an und so zeigt eines ihrer Propagandaplakate tatsächlich eine jüdische Krake, die die Welt verschlingt.

Dass Karikaturen überspitzen und Menschen oftmal mit wulsitgen Lippen („Birne“ Helmut Kohl) oder spitzen Nasen (Oscar Lafontaine) zeigen ist nichts neues. Die lockigen Haare besitzt Zuckerberg sogar tatsächlich. In der Karikatur mit gängigen Mitteln des Genres wird demnach ein junger CEO einer datenverschlingenden Firma dargestellt, indem auf ein uraltes Symbol zurückgegriffen wird, das von den Nazis auch verwendet wurde. Wäre Zuckerberg kein Jude, dann wäre diese Karikatur recht harmlos – er ist es aber.

Jetzt glaube ich dem Karikaturisten sogar, dass er nicht die Absicht hatte, Zuckerberg antismeitisch darzustellen. Das Problem liegt darin, dass es vollkommen egal ist, was seine Intention war oder nicht war. Wichtig ist einzig, wie das Bild verstanden werden kann. Es gibt also ein Problem im Verstehen und Ausdrücken des durch das Symbol angezeigeten Gegenstands. Die Intention kann eine ganz andere sein, wenn der Empfänger sie in seinem Kontext versteht, kann sie missdeutet werden. Ohne zu wissen, dass Zuckerberg Jude ist, ist die Karikatur halbwegs aussagekräftig in Bezug auf ihre Aussage – wenn auch nicht besonders kreativ. Mit diesem Wissen ist sie antisemitisch.

Was folgt daraus? Zeichnet keine Kraken mehr. Sucht andere Symbole, laßt die Kraken in Ruhe. Begrabt die Datenkrake. Es erspart eine Menge Stress. 

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Hunde essen – außereuropäische Tradition und europäisches Selbstverständnis

„A most excellent dish“. Mit diesen Worten fasste Sir Joseph Banks den Verzehr von Hundefleisch zusammen nachdem er die Tötung, die Zubereitung und das Kredenzen des Tieres im Detail beschrieben hatte. Banks war Teilnehmer auf der ersten Reise James Cooks und beschrieb ein Festmahl auf Tahiti Anfang der 1770er Jahre – vor der Missionierung und Kolonisierung Polynesiens. 

Die Jungen Liberalen Sachsen-Anhalts haben einen Antrag eingereicht, der mit diesem Thema zu tun hat. Sie wollen ein Verbot, das seit 2010 in der Tierische Lebensmittel-Hygieneverordnung geregelt ist, aufheben lassen, so dass das Verbot der Hunde- und Katzenschlachtung nicht mehr existiert. Im Netz regt sich gegen diesen Vorschlag Kritik von Tierschutzseite. Die Begründung der JuLis jedoch ist interessant: Im Prinzip geht es ihnen darum, das Schlachten deswegen zu verbieten, weil es andere Kulturen diskriminiert, in denen das Schlachten und der Verzehr der Tiere erlaubt ist.

Welche anderen Kulturen sind gemeint? Das europäische Verständnis geht gleich Richtung Asien und verweist auf chinesische, koreanische und auch vietnamesische Traditionen des Hundeessens. Schaut man jedoch nur dreihundert Jahre zurück, dann stellt sich schnell heraus, dass auch in Amerika Hunde gegessen wurden. In Mittelalmerika gab es spezielle Züchtungen, die nur zum Verzehr geeignet waren, ähnliches gilt für Südamerika. In Nordamerika war der Hund das einzige domestizierte Haustier. Wenn über Wochen der Jagderfolg der Plain-Indianer ausblieb, waren die Tragetiere Teil der Speisekarte. In Australien musste so mancher Dingo das Zeitlich segnen, um von den Einheimischen dort gegessen zu werden und auch in Polynesien gehörte der Hund auf den Speiseplan. 

Seit der römsichen Antike jedoch war das in Europa ganz anders. Cicero stellte schon die Treue des Hundes heraus. Und auch wenn die Griechen des archaischen Zeitalters durchaus noch am Hund als Speise interessiert waren, zeigte sich bei Odysseus Argos klar ein ganz anderes Bild. Hunde waren auch außerhalb Roms in Europa kein Speisegut. Der älteste Knochenfund eines Hundes aus Oberkassel bei Bonn, zeigt das Tier als Grabbeigabe eines Fürsten. Ausschließen läßt sich der Verzehr der Tiere jedoch natürlich nicht – gerade auch in Notzeiten. Für das Mittelalter ist indes belegt, dass Hundefell benutzt wurde, um Kleidung zu erstellen (in Neuseeland übrigens auch). In der Schweiz und in Süddeutschland hingegen scheint es eine Tradition des Hundeessens gegeben zu haben, die aber schon seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr gepflegt wurde. 

Abgesehen von Europa findet sich die Abneigung gegenüber Hundefleisch vor allem in Afrika. Auch hier gibt es zwar Ausnahmen, diese aber vor allem im nördlichen Westafrika. Ost- und Südafrika schätzen den Hund als Jagdbegleiter und Hütehund kostbarer Rinderherden. Gerade in den Regionen des Rinderkults dort ist der Hund als Speise gar nicht nötig.

Die europäische Kolonisierung und Missionierung hat ihren Teil dazu beigetragen, dass in Australien, Polynesien und Amerika Hunde nicht mehr gegessen werden. Anders sieht es in China, Korea und Indochina aus. Dort werden Hunde weiterhin gegessen, allerdings werden dort auch Spinnen, Insekten, Vogelnester und uralte Eier verzehrt, kurz alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, gilt in Südostasien als Nahrung. Hunde und Katzen bilden dort keine Ausnahme. Nur: Auch hier gibt es spezielle Züchtungen, die zum Verzehr gedacht sind und solche, die nicht gegessen werden dürfen, weil ihnen etwa eine Rolle als Jagdhund zukommt etc. 

Da es in Deutschland durch die Tradition bedingt keine gezielte Züchtung von essbaren Hunden gibt, ist auch die Gruppe der Hundeesser aus asiatischen Ländern denkbar gering, wahrscheinlich so gering, dass der geschäftliche Aufwand kaum lohnen dürfte, weil die Nachfrage gering ist. Da die aus Südostasien eingewanderten (um alle anderen Gruppen müssen wir uns hier  nicht kümmern, dort ist die Tradition europäisiert worden) Menschen hier in der Lage sind auf gewohntes Essen (Hühner und Schwein) zurückzugreifen, besteht wahrscheinlich gar nicht der Wunsch danach, Hund zu essen. Eine Aufhebung des Schlachtungsverbots ist daher mehr bürokratischer Aufwand als das „Problem“ Wert ist.

Der Vorschlag der JuLi will vor allem provozieren, indem zwei Kernelemente des linksliberalen Mainstreams aufgegriffen und gegeneinander ausgespielt werden: Toleranz fremden Kulturen gegenüber und Tierschutz. Das ist durchschaubar und wirkt lächerlich. Es gibt Traditionen, zu denen stehen selbst Menschen, die sonst als politisch korrekt gelten. Hier ist hoffentlich ein Argument geliefert worden, dass jenseits von Moral zum Diskutieren einlädt.

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Die drei Hasen – Eigenartiges zu einem Wahrzeichen Paderborns

Schaut man sich das Dreihasenfenster des Paderborner Doms an, stellt man schnell fest, dass man es mit einem geistreichen Witz eines kunstvollen Handwerkes zu tun hat. Obwohl drei Hasen und nur drei Ohren zu sehen sind, fällt auf, dass jeder Hase einzeln betrachtet zwei Ohren hat, oder wie man es sich in Paderborn zu merken pflegt:

„Der Hasen und der Löffel drei, und doch hat jeder Hase zwei“.

Nun stellt sich natürlich die Frage, was dieser Hase hier soll. Klären wir aber zunächst die Fakten. Das Hasenfester selber gehört nicht zu den ältesten Teilen des Doms. Es ist im Stil der Spätgotik gehalten und stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert, als der Kreuzgang, der bis dahin offen gehalten war, mit Fenstern ausgestattet wurde. Wer für das Fenster verantwortlich ist, ist heute ebenso wenig bekannt, wie seine Bedeutung.

Will man dem Fenster auf die Spur kommen, ist es wichtig sich vor Augen zu führen, dass insgesamt drei Symbole in dem Dreihasenfenster eingearbeitet sind. Da sind zum einen die Hasen, dann der Kreis, in dem sie laufen und schließlich ihre Anzahl, die 3.

Da sich das Fenster an einem christlichen Dom befindet, noch dazu in einem Kreuzgang, ist es ratsam sich mit christlicher Zahlensymbolik zu beschäftigen, um der Bedeutung der 3 auf die Spur zu kommen. In diesem Kontext landet man schnell bei dem Begriff der Dreifaltigkeit Gottes, den Heiligen Drei Königen oder dem Glaubensbekenntnis:

„Ich glaube […] an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn […] hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten“.

Damit ist eine göttliche Bedeutung gegeben, so dass für die Dreifaltigkeit Gottes hier in Betracht kommt. Wenn man sich dann dem Kreis als Symbol zuwendet, der weder Anfang noch Ende hat, ist man schnell bei der Ewigkeit, die durch Kreise symbolisiert wird. Ein Dreicheck in einem Kreis ist daher schon mal ein gutes Symbol für die Gott, die Dreifaltigkeit und den christlichen Ewigkeitsbegriff. Bleibt demnach noch die Frage nach den Hasen.

Aus der heidnischen Überlieferung ist der Hase als Fruchtbarkeitssymbole oder Frühlingssysmbole zu Ostern bekannt. Im christlichen Kontext hingegen wurde der Wechsel des Fells, von weiß auf braun, den der Schneehase vollzieht, durch den Krichenvater Ambrosius zum Symbol der Auferstehung umgedeutet, so dass der Hase auch für Christus selber stehen kann.

Am Paderborner Dom also ist das Dreihasenfenster ein Symbol mit urchristlicher Bedeutung. Jetzt gibt es nur ein Problem. Das Symbol taucht auch an anderer Stelle auf. Dabei ist seine Präsenz im Dom zu Münster, einem Kloster bei Schwyz oder in einer Kirche im englischen Suffolk nicht problematisch, sein Auftauchen in einem buddhistischen Tempel aus dem 6. Jahrhundert n. Chr., wo es ein Symbol der Ruhe und Meditation ist, machen eine bloße christliche Deutung aber schon problematischer. Diese Darstellung ist zudem die älteste Darstellung dieser Figur, was einen asiatischen Ursprung nicht unwahrscheinlich macht. Dass dieses Figurenensemble entlang der Seidenstraße vertreten ist, macht soagr den Verbreitungsweg recht deutlich. Ist der Hase also kein göttliches Symbol?

Der Hase, der sich in vielen Unterarten über die ganze Welt verteilt hat, spielt, so viel kann man sagen, in vielen Kulturen eine göttliche bzw. religiöse Rolle. In Nordamerika etwa gilt er als Schöpfergott, in Südafrika als Opfertier. Im chinesischen Horoskop gibt es eine enge Verbindung zwischen Mond und Hase, die sich auch wieder in Nordamerika und Südafrika findet. Auch für das Paderborner Dreihasenfenster ist eine solche Verbindung gegeben, vermutet man doch, dass der Kreis, wegen der Nachtaktivität der Tiere, den Mondzyklus repräsentieren würde.

Das Hase als Jagdbeute ist uralt, die mit ihm verbundene Symbolik auch. Sie scheint sich über Kulturen hinweg gehalten und nur wenig verändert zu haben. Welche Bedeutung die Figur generell hat ist nicht zu sagen. Für Paderborn wird immer von der Dreifaltigkeit gesprochen, die hier repräsentiert werden soll.

Andererseits: Warum ist dieses Symbol dann so versteckt und nicht zentral gelagert? Der Hase steht auch für diejenigen, die im Glauben Schutz suchen. Bedenkt man, dass das Fenster zu Beginn des 16. Jahrhunderts gebaut wurde, einer Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit, findet sich seine Bedeutung vielleicht gerade in dieser Funktion, die ein Dom ja auch haben sollte.

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Zur Geschichte der Überfischung

In den Artikeln und Studien, die zur Überfischung herausgebracht werden, wird oftmals davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein Problem handelt, dass erst mit der Industrialisierung der Fischerei während des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Tatsächlich aber ist das Eingreifen des Menschen in Flüsse, Seen und Meere schon so alt, wie die Menschheit selber. Der Wunsch des Menschen aus den Gewässern mehr Fisch herauszuholen, als er alleine tatsächlich mit Route oder Speer erlangen kann, ist dabei mindestens genauso alt, was zahlreiche Funde aus der Altsteinzeit zum Fortschritt des Fischfangs belegen. Aus diesem Wunsch ergab sich nicht zuletzt der Beruf des Fischers selber.

Techniken, die darauf hinweisen, wie die Fangquoten erhöht werden sollten, finden sich bereits in den Schriften der antiken Gelehrten. So kann Aristoteles in seiner „Geschichte der Tiere“ Hinweise darauf geben, dass immer dann mehr Fische ins Netz gehen, wenn der Meeresboden vorher durcheinander gewühlt wurde, so dass beim zweiten Fang eine größere Menge an Fisch erreicht werden kann (vgl. his. ani. VIII, 15). Führt man sich diese Praxis vor Augen, ist bereits in der Antike davon auszugehen, dass Fischerbote mindestens zweimal in kurzer Zeit hintereinander das Netz auswarfen, um mehr Fisch als beim ersten Mal zu fangen.

Eine solche Praxis musste über kurz oder lang dazu führen, dass Fisch knapp wurde. Die Auswirkungen dieses Umstands kann dreihundert Jahre nach Aristoteles Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte aufzeigen, wenn er darüber klagt, dass ein Fisch mittlerweile soviel kosten würde, wie ein Koch (vgl. nat. his. IX, xxxi, 67). Dabei zeigt er eine Preissteigerung auf, die nahelegt, dass in früheren Zeiten Fisch nicht so teuer war wie zu seiner Zeit, so dass der hohe Preis eben nicht auf die generelle Schwierigkeit des Fischens selber, sondern auf eine Verknappung des Fisches zurückzuführen ist.

Vor allem der Fang von Hering war für die Menschen des Mittelalters von großer Bedeutung. Da sich in der Antike für das Mittelmeer bereits eine Verknappung des Fischs andeutete, wich man auf die Nord- und die Ostsee aus, von wo aus die gefangenen Fische gesalzen und getrocknet bis nach Italien gebracht wurden. Im Jahre 1394 jedoch kam es zu einen größeren Problem. Die Heringsvorkommen im nördlichen Teil der Nordsee waren erschöpft, nur im westlichen Teil fanden sich noch größere Mengen. Solche Vorkommnisse zwangen die Obrigkeit zu regulierenden Maßnahmen, wie etwa dem Fangverbot für Fisch zwischen Oktober und Februar. Bei Fangquoten von mehr als vier Millionen Hering allein in der französischen Stadt Dieppe, kann man sich vorstellen, wie viel Fisch jährlich an allen Küstenregionen Europas an Land gebracht wurde.

Das Meer jedoch war für die Menschen in Antike und Mittelalter immer mit großen Gefahren verbunden, obwohl man probierte es kulturell und politisch für sich zu vereinnahmen. Der überwiegende Teil der Menschen fischte daher nicht auf See, sondern probierte sein Glück in Teichen und Flüssen des europäischen Kontinents. Dabei wurden die Techniken weiter entwickelt und die einzelnen Berufsfischer recht erfolgreich. Zeitgleich stieg der Konsum von Fisch enorm. Für das 16. Jahrhundert sind daher einzelne Verordnungen übermittelt, die das Fischen in bestimmten Flüssen verboten. In Bayern etwa wurde 1553 das Fischfangen auf wenige Exemplare begrenzt. Dennoch wurden die Gewässer überfischt, mit zum Teil verheerenden Folgen bis in die heutige Zeit, schaut man etwa auf die Überfischung der Donau, in der keine Fische mehr existieren, die Strecken von mehr als 300 km zurücklegen können.

Um den Gefahren auf See zu entgehen und der gestiegenen Nachfrage nach Fisch nachzukommen, wurden im Bereich des Schiffbaus enorme Fortschritte gemacht. Die in den Niederlanden entwickelten Buisen sorgten für effektiveren Fischfang in der Nordsee und wurden daher schnell in die norddeutschen Regionen importiert, wo sie bis ins 19. Jahrhundert benutzt wurden.

Dennoch ist ein großer Einschnitt im Problem der Überfischung sicherlich mit dem 19. Jahrhundert zu machen. Die Einbindung der Dampfmaschine in die Schifffahrt führt zu einer sehr effektiven Nutzung von Schleppnetzen, die für den einzelnen Fischer eine enorme Ausbeute in kurzer Zeit bedeuteten.

Doch bereits in den 1850er Jahren wurden Klagen laut, dass sich traditionelle Fischereigründe erschöpft hätten, was gerade für die britische Fischerei dazu führte, weiter in die Nordsee zu fahren und dort zu fischen. Damit berührten sie jedoch die Fischgründe anderer Nationen, was zu internationalen Verwicklungen führte. Eine vom britischen Parlament eingesetzt Kommission entschied jedoch recht lapidar, dass der englische Fischer das Recht hätte überall, zu jeder Zeit und nach welcher Methode auch immer fischen zu können.

Die fortschreitende Industrialisierung beschränkte sich nicht nur auf Großbritannien. Die Buisen etwa wurden durch so genannte Logger abgelöst, die schneller waren und deren Einsatz durch die Dampfmaschine, die man ohne Problem an Bord nehmen konnte, noch gesteigert wurde.

Die wissenschaftliche Seite konnte mit dieser technischen Entwicklung nicht mithalten. Über Herkunft, Aufzucht und Paarungsgewohnheiten der zu fangenden Fische war kaum etwas bekannt, die Ichtyologie als akademische Wissenschaft war erst am Beginn ihrer Entwicklung, so dass die Probleme, die mit dem Leerfischen der Nordsee einhergingen, noch nicht umfassend gelöst werden konnten. Hinzu kam, dass vor allem die Wirtschaftszweige, für die der Fischfang ausschlaggebend war, die Fischwissenschaft förderten, so dass diese sich oftmals Zugunsten hoher Fangquoten aussprach, um ihre Finanzierung nicht zu gefährden.

Dieses Umstände führten schließlich zu einem Eingreifen der Obrigkeit. In Preußen war es vor allem der Ministerialbeamte Walther Herwig, der sich zunächst mit den Gewässen an Land beschäftigte und sich dort für Fangquoten einsetzte, dabei aber nicht die soziale Komponente der Arbeit für Fischer aus den Augen verlor. Seine Bemühungen waren so erfolgreich, dass er sich auch für die Hochseefischerei einsetzte und dabei die nationalen Grenzen hin zu einer internationalen Lösung zu überwinden suchte. Herwigs Netzwerk führte schließlich zur Gründung des ICES im Jahre 1902, in dem jährlich Statistiken über Fang und Nachwuchs der Fische veröffentlicht wurden, was in letzter Konsequenz zu den bis heute noch genutzten Quoten für bestimmte Fischarten führte.

Die praktische Umsetzung der Quoten jedoch war nicht immer möglich. So wurden in Grönland um das Jahr 1900 herum etwa 100.000 t Kabeljau gefangen, was fast zu einem Verschwinden des Fisches geführt hätte. Dennoch konnten sich die Bestände erholen. Der Grund dafür lag im Zweiten Weltkrieg. Während in der Zeit davor alle möglichen Nationen den Kabeljau vor Grönland einfingen, waren im Krieg selber die Gewässer nicht mehr sicher. Einzig die portugiesischen Doryfischer fischten in den Gebieten. Deren nachhaltige Technik des Fischens sowie das Fernbleiben vor allem der französischen und britischen Fischereiflotten, sorgten für eine Regenerierung des Kabeljau.

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Die Hundesteuer – Sinn und Unsinn einer staatlichen Abgabe

In letzter Zeit wurde darüber debattiert, ob eine Pferdeabgabe Sinn habe, die von den Kommunen erhoben werden sollte. Mehrheitlich wurde sich dagegen entschieden. Die Gründe waren vielfältig und hatten vor allem damit zu tun, dass Pferde anders als Hunde nicht im Haus gehalten werden, sondern in Ställen, die sich außerhalb der Gemeinde befinden können, in der der zu besteuernde lebt. Dort wo dies anders ist, nämlich bei Pferdegestüten, jedoch würden durch die Abgabe kleine Unternehmer geschädigt, was wiederum die Gewerbesteuer schmälern würde oder die Sozialkassen belasten, bei entstehender Arbeitslosigkeit, was beides die Kommunen teuer zu stehen kommen könnte.

Die Forderung nach einer solchen Pferdesteuer jedoch ist auf den ersten Blick berechtigt. Wer als Wanderer oder Spaziergänger kommunale Waldwege betritt, die auch für Pferde zugelassen sind, wird unweigerlich über die Hinterlassenschaften der Pferde stolpern. Der Vergleich mit denen von Hunden bietet sich an, denn wer hat in einer Diskussion mit einem uneinsichtigen Hundehalter nicht schon mal davon gehört, man zahle schließlich Hundesteuer und brauche sich darum nicht um das Exkrement seines Hundes zu kümmern.

Die Gleichung ist daher einfach: Hunde macht Dreck also Steuer, Pferd macht Dreck also Steuer. Diese Gleichung geht aber nicht auf. Zunächst sind die Wurzeln der Hundesteuer andere, als hier suggeriert. Sie haben nichts mit Dreck zu tun, kommt sie doch aus dem Mittelalter und dort war man mit den bürgerlichen Kategorien Sauberkeit und Hygiene noch nicht ganz so vertraut.

Wurzel Nr. 1: Das Jagdrecht war im Mittelalter in vielen Forsten Grundrecht der Landesherren. Nur sie durften dieses Recht ausüben. Wer dagegen verstieß, wurde bestraft. nun wurde im Mittelalter viel gejagd und meistens mit dem Hund, den gab es nämlich auf jedem Hof. Da Kastration noch ein Fremdwort war und auch die Erziehung der Hunde zum Großteil nicht stattfand kam es zudem zu regelrechten Hundeplagen ,weil sich große Rudel zusammen taten. Um all das zu verhindern, wurden Steuern eingeführt, die die Zahl der Hunde klein halten sollte – mit mäßigem Erfolg.

Wurzel Nr. 2: Auch hier ist es die Jagd, die den Ausgang bildet. Im Mittelalter war es üblich, dass der Grundherr eine Treibjagd veranstaltete, bei der viele Hunde beteiligt waren. Wohin aber sollte man mit den Hunden, wenn zum Jagen keine Zeit war? Zum Glück gab es ja Vasallen, denen man auftragen konnte, sich um die Tiere zu kümmern. Wer dies nicht wollte, zahlte eine Gebühr, so dass die Steuer nur von denen eintrichtet wurde, die keine (fürstlichen) Hunde hielten.

Dieses Prinzip der Besteuerung, dass sich vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit und von dort bis in die Moderne gerettet hat, existiert noch heute. Die Begründung aber hat sich geändert. Es hat ja auch wenig Sinn, die Jagd zu verbieten, wenn kaum noch einer dieser Tätigkeit nachgeht. Heute ist es so, dass die Hundesteuer tatsächlich den Sinn erfüllt, die Kommune sauber zu halten. Sie wird erhoben, um die Zahl der Hund deswegen klein zu halten, damit, diese nicht überall hin urinieren. Wohlgemerkt: Es geht um Urin. Dieser läßt sich nämlich, einmal verteilt nicht entsorgen, weshalb auch das Ordnungsamt dazu nichts sagt. Anders sieht das beim Hundehaufen aus, der muss entsorgt werden und das Liegenlassen wird mit Ordnungsgelden belangt.

Nun ist von Hundehaltern oftmals zu hören, man müsse Hundesteuer bezahlen und dennoch wird für die Hunde und ihre Besitzer nichts gemacht. Das stimmt. Die Hundesteuer ist nicht zweckgebunden und kommt somit allen Steuerzahlern zugute. Das kann einen verärgern hat aber auch sein gutes, denn damit hat man ein unschlagbares Argument, wen sich wieder einmal jemand gegen das Urinieren des Hundes an eine Hauswand beschwert.

Es ist nämlich so. Der Hundehalter erkauft sich mit der Abgabe das Recht die Stadt ein wenig mehr zu verunsäubern als alle anderen Menschen in der Stadt. Durch seinen Beitrag werden alle Bewohner in irgendeiner Art und Weise gefördert. Was bedeutet das konkret für die oben genannte Auseinandersetzung? In beiden Fällen haben die beiden Meinungsführer Recht. Der eine hat das Recht, einen Hund zu halten, der andere darauf, dass seine Hauswand nicht beschmutzt wird. Beide Rechte sind gleichwertig und können daher nicht gegeneinander ausgespielt werden. Deswegen gibt es die Hundesteuer. Mit ihr profitiert der Nichthundebesitzer von den Hunden, die er gegen seine Wand machen läßt.

Soweit die Theorie. Dass die Stadtkasse mit Geld nicht umzugehen weiß, ist eine andere Geschichte.

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